Dienstag, 23. März 2021

Bio

Liebes Tagebuch,

folgendes Entstand nachdem ich auf Facebook einen etwas rosigen Text bezüglich Kindheit lass. Es soll niemanden "triggern" - ich habe es zu meinem Vergnügen und als Gegenpunkt zu "etwas zu rosig" vielleicht "etwas zu sch... braun" geschrieben.

1977 wurde ich in Hamburg geboren, wo ich mich - der Erzählung meiner Eltern nach - die ersten 2 Jahre meines Lebens Schwerpunktmäßig mit Brötchen kaufen und Fahrstuhlfahren beschäftigte. Aufgewachsen bin ich in einem Ortsteil einer Landgemeinde, deren besonderes Merkmal das norddeutsche Dehnungs-ck ist.

In meiner Kindheit musste jeder sogenannte "Mutproben" bestehen, z.B. alte Omas aus dem Mittagsschlaf klingeln oder auch das harmlose einschmeißen aller Fensterscheiben des - wie es damals noch hieß - Dorfasozialen.

Wir hatten ein Leben - nahe der Bundesautobahn 7 - noch weit vor der Erfindung der die Fernsicht über die tiefe nordniedersächsische Agrarlandschaft einschränkenden Lärmschutzwände, oder des bleifreien Benzins. Autos rochen noch wie Autos und wenn der Wind richtig stand konnte man den Geruch der Freiheit der Arbeiterklasse aus der Ferne des Ostens deutlich vernehmen - außer an Tagen an denen die Gülle ausgefahren wurde - demnach so gut wie nie.

Alle Kinder des Dorfes wurden von allen familiär behandelt, was im Zusammenhang bedeutete, gleichermaßen wie die eigenen Kinder verdroschen zu werden, selbst wenn man keine hatte. Kinder mit neumodischen Allergien, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und körperlichen Beeinträchtigungen wurden konsequent von jung und alt gemieden und kamen somit, außerhalb der traditionellen "Beat'em'Up" Feierlichkeiten (Faslam, Schützenfest, etc), nicht vor.

Wir aßen immer alles, was unsere Großmütter uns kochten und wenn wir mal etwas nicht aßen, bekam es der Hund. Unser Hund hieß "Dicker".

Spielplätze und Einkaufsmöglichkeiten gab es keine - wir fuhren viel Fahrrad und Roller, mit denen wir schneller vor den Örtlichen Mofa-Jugentlichen flüchten konnten und nicht zuletzt aus selbigen Grund kletterten wir viel auf Bäume.

Wir spielten viel in Wald und Wiesen, wir häuften auch einmal, ohne an Mikroben zu denken, einen Berg trockener Herbstblätter an, den wir dann wiederum, ohne an Brandgefahr zu denken, fröhlich entzündeten. Niemand wurde ernsthaft verletzt und auch die familiäre Nachbesprechung des zuständigen Landwirts viel im Nachhinein beinahe schmerzfrei aus.

Wir konnten sorgenfrei durch die Nachbarschaft laufen, da wir dank unseren guten Reflexe angetrunkenen Dorfbewohnern in Autos, auf Treckern, Motorrädern oder Mofas gut ausweichen konnten. Auch Begegnungen mit übellaunigen und mit Mistforken bewaffneten Bäuerinnen ließen sich mit etwas Geschick und können vermeiden. Ich möchte an dieser Stelle darauf verweisen das die Kinder unseres Dorfes überdurchschnittlich gut im Fahrrad-Geschicklichkeitstest der Grund- und Mittelschule abschnitten.

Kindesentführung durch Sexualtäter war damals fast kein Thema - das sogenannte "Mitschnacken" - kam so gut wie nicht vor. Ich selber wurde nur einmal fast in einen Kastenwagen gezerrt. Es waren halt noch sichere Zeiten.

Abends, nachdem die Temperatur des Boilers durch thermische Wiederverwertung von allerlei Dingen, auf angenehme 45-50°C gebracht wurde konnten wir baden und uns Dreck und Blut des Tages abwaschen.

Spätestens um 20 Uhr waren wir im Bett - ohne Fernsehen (kein Empfang), ohne Smartphone (gab es nicht) und ohne Heizung, da nachts das Feuer im zentralen Brenner versiegte. Heutige Kinder nennen es "Wie Camping zu Hause". Kinder mögen im allgemeinen kein Camping.

Wir hatten vor nichts Angst, außer vor Mofa Jugendlichen - Kindern aus anderen Dörfern, streuenden Hofhunden und mit Luft und Kleinkaliber Gewehren bewaffneten älteren Lehrerehepaaren.

Wir haben unseren Mund vor unseren Eltern gehalten, aus Chorgeist - oder wie es hieß - Petzen kriegen einen aufs Maul und weil wir wussten das bei Inklusion der Elterngeneration der Ärger direkt proportional zum Quadrat der involvierten Erwachsenen ansteigt.

Wir sollten öfters über all diese Momente nachdenken und in Demut denen Gedenken die ihre Kindheit nicht, oder nur wenig überlebt haben. In unserer Generation galt Tod durch Straßenverkehr wenn nicht als ehrenhaft, so zumindest als natürlich und auch das Ableben in direktem Zusammenhang mit Dorffestivitäten war nicht unbekannt.

Gesunder Menschenverstand wurde großzügig mit Alkohol verdünnt und mit Zigaretten vernebelt - es war eine geile Zeit in massiv Eiche, Mr. Avocado war Bundeskanzler und Korruption gab es per Gesetz nicht und das "C" in der Partei wurde noch in Koffern direkt verteilt. Mir geht noch Heute das Herz auf, wenn ich an den Herbst 1989 denke und in der Nachbarschaft die Reichskriegsfahne wieder stolz im Wind wehte.

Denk daran woher du kommst und wie du aufgewachsen bist - ein potentiell gewaltbereiter Barbar aus dem Süden mit nationalsozialistischem Migrationshintergrund.

Bist Du auch Humor-befreit, Dann lese auf keinen Fall Heinz Strunk - Fleisch ist mein Gemüse um mehr über das Leben im Hamburger Umland zu erfahren.


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